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17. Nov. 2008

Ich habe es schon immer vermutet, dass ein Kartell aus Pharmakonzernen, Verbänden (wie zB WHO und Ärztekammer) und (prominenten) Ärzten krumme Geschäfte auf Kosten der Gesundheit macht. Nun hat Hans Weiss ein Buch darüber veröffentlicht und meine schlimmsten Befürchtungen werden anscheinend noch bei weitem übertroffen…

An entscheidenden Schaltstellen der Medizin – Unis, Fachgremien, Fortbildungsinstitutionen, Fachzeitschriften – sitzen viele Ärzte, die heimlich von der Pharmaindustrie bezahlt werden und sich als deren Lobbyisten betätigen…

Auffällig viele von der Industrie bezahlte Ärzte sitzen in Gremien, die neue Behandlungsleitlinien ausarbeiten, zum Beispiel gegen Bluthochdruck: Das europäische Leitlinien-Team umfasste 28 Mitglieder. Alle hatten engste finanzielle Verbindungen zu Pharmakonzernen, die einen wichtigen Teil ihres Umsatzes mit Medikamenten gegen Bluthochdruck erzielen. Seither gelten nur Werte bis maximal 120/80 mmHg als optimal. Durch die Verschiebung der Grenzwerte nach unten stieg auf einen Schlag alleine in Deutschland die Zahl der Hochdruck-Patienten von 20 auf 26 Millionen.

Ich habe neun Klinikchefs in Deutschland und Österreich gefragt, ob sie im Auftrag eines Konzerns Placebostudien durchführen würden: Eine Patientengruppe bekommt z. B. ein neues Antidepressivum – von dem es aber bereits vergleichbare gibt–, die andere ein Scheinpräparat. Das ist ein Verstoß gegen die Regeln des Weltärztebundes: Wenn es bereits wirksame Therapien gibt , dürfen diese auch in einer Studie Patienten nicht vorenthalten werden. Man dürfte also das neue Mittel nur mit einem anderen, nicht aber mit Placebos vergleichen. Trotzdem waren acht der neun Mediziner dazu bereit – schließlich bot ich auch großzügige persönliche Beratungshonorare an. [Hans Weiss im Kurier-Interview]

…Laut dieser Studie bezahlen große Konzerne weltweit bis zu 16.500 Ärzte dafür, dass sie auf die eine oder andere Art und Weise Firmenbotschaften verbreiten. …Laut dieser Studie bezahlen große Konzerne weltweit bis zu 16.500 Ärzte dafür, dass sie auf die eine oder andere Art und Weise Firmenbotschaften verbreiten. Und aus einer weiteren Cutting-Edge-Studie mit dem Titel „Pharmaceutical Thought Leaders 2007“ („Pharmazeutische Meinungsbildner 2007: Welchen Marktwert haben sie und wie misst man ihre Profitabilität“) geht hervor, wie viele Ärzte von internationalem Rang auf der Honorarliste großer Konzerne stehen. „Im Durchschnitt sind es pro Firma 259!…

…Große Pharmakonzerne geben für „Opinion Leader Management“ im Durchschnitt 61 Millionen Dollar im Jahr aus, die größten bis zu 300 Millionen Dollar. Etwa ein Drittel dieser Summen fließt auf die Konten ärztlicher Stars. Cutting Edge sagt auch unverblümt, was die Investition bringt: Meinungsbildner seien nützlich für das Marketing, damit beeinflusse man das Verschreibungsverhalten von Ärzten in großem Ausmaß… [Auszüge aus dem Profil]

…Ein relativ aktuelles Beispiel ist das Blutstillungsmittel Trasylol von Bayer, ein Bestseller. Schon in den 80er-Jahren gab es Hinweise, das Medikament könnte die Todesrate von Patienten erhöhen. Es blieb am Markt, wurde wahrscheinlich an fünf bis zehn Millionen Menschen angewendet und hat vermutlich 10.000 Menschen das Leben gekostet. Erst letztes Jahr wurde es vom Markt genommen. Bayer hat daran viele Milliarden verdient…[Hans Weiss im Standard-Interview]

Es erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Man hat die Pharmawirtschaft jahrzehntelang nach belieben schalten und walten gelassen, denn sonst hätte es zu so einer zügellosen, menschenverachtenden Geschäftemacherei überhaupt nicht kommen können. Vielleicht reagiert auch einmal die Politik (nicht nur in Österreich, sondern hauptsächlich in den USA und der EU) auf diese mafiosen Zustände. Na ja, sehr viel Hoffnung habe ich da nicht. Was man nicht sehen will, sieht man gewöhnlich auch nicht… ;)

2 Kommentare »

  1. kritikus.at » Blog Archiv » Eine Klage am Morgen und weg sind die Sorgen… schreibt:

    [...] Schon seit geraumer Zeit regt sich Kritik an den Gesundheitssystemen in der EU (etwa das und das). Da konnte auch die EU-Gesundheitskommissarin nicht untätig bleiben. Jede zehnte medizinische Behandlung innerhalb der EU sei so fehlerhaft, dass Schaden entstehe, und alleine in den Krankenhäusern würden pro Jahr 15 Millionen Fehlbehandlungen passieren, vermeldete sie kürzlich. [...]

    24. Nov. 2008 | #

  2. kritikus.at » Blog Archiv » Die Pillen-Connection schreibt:

    [...] Da muss die Kacke aber gehörig am dampfen sein, denn Hausdurchsuchungen werden schon so nicht aus Jux und Tollerei durchgeführt. Wenn es dann noch um jemanden geht, der sich gut wehren kann (Pharmakonzerne haben gewöhnlich keinen Mangel an ausgezeichneten Juristen), dann müssen wohl handfeste Beweise vorgelegen haben. Aber hoppala, das sind die alten Bekannten dabei, die auch mit auch mit missionarischer Zwangsgesundung (=Volksverblödung) Geschäfte machen wollen. Dass sich auch Generika-Hersteller unter den Verdächtigen befinden lässt tief blicken. Wenn auch etwas weiter ausgeholt gehörte, ist die EU-Kommission dennoch gut auf dem Weg, das Kartell (mit angeschlossenem Selbstbedienungsladen) endlich zu erkennen und vielleicht auch zu zerschlagen – wenngleich bei zweiterem meine Zuversicht eher nicht sehr groß ist… [...]

    29. Nov. 2008 | #

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