Walter Wippersberg hat in DiePresse einen ausführlichen Artikel zum Raucherthema geschrieben, der das Zeug zum Kultartikel hat…
Hier einige Auszüge:
Als vor etlichen Jahrzehnten in Amerika einige puritanische Tugendbolde den Heiligen Krieg gegen die Raucher ausriefen, da mussten sie zuerst Raucher und Nichtraucher, die bis dahin friedlich miteinander lebten, gegeneinander ausspielen. Die Raucher mussten als asozial und unverantwortlich dargestellt werden. Die Nichtraucher mussten – bis dahin unbekannt – Angst vor den Rauchern kriegen. Strategiepapiere, in denen diese Taktik vorgeschlagen wird, sind bekannt.
Tabak galt (wie Kaffee, Tee oder Schokola- de) lange Zeit als Genussmittel. Man kommt, erst einmal daran gewöhnt, nicht leicht los davon. Der „Surgeon General“, der höchste Funktionär im US-Gesundheitswesen, schrieb 1964, im Zusammenhang mit Tabak solle von Gewohnheitsbildung gesprochen werden, „klar zu unterscheiden von Sucht, da die biologischen Effekte von Tabak, ebenso wie von Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, nicht vergleichbar sind mit denen von Morphin, Alkohol, Barbituraten und anderen starken süchtigmachenden Drogen“. Im Jahr 1988 spricht ein neuer „Surgeon General“ im Zusammenhang mit Tabak von Abhängigkeit. Hat die Wissenschaft inzwischen neue Erkenntnisse gewonnen, die das rechtfertigen? Nein, das nicht, man hat einfach die Begriffe Abhängigkeit und Sucht neu definiert. So war’s von nun an sozusagen amtlich: Rauchen macht süchtig.
Den Tugendbolden bringt es viel: Sie können die Raucher nun als hilflos ihrer Sucht ausgelieferte Kranke hinstellen, denen – notfalls gegen ihren nikotinumnebelten Willen – geholfen werden muss, die man – notfalls mit Gewalt – zu ihrem gesundheitlichen Glück zwingen muss. Das hat, wie so vieles in diesem Krieg gegen die Raucher, religiöse Dimensionen.
Der fanatische Kampf gegen das Rauchen trägt unverkennbar religiöse Züge. Geführt wird er von fundamentalistischen Anhängern der Gesundheitsreligion. Der studierte Theologe und praktizierende Psychiater Manfred Lütz hat das Erscheinungsbild dieser neuen Religion so beschrieben: „Alle Riten der Altreligionen sind inzwischen ins Gesundheitswesen übergegangen: Halbgötter in Weiß, Wallfahrten zum ultimativen Experten, Krankenhäuser als die neuen Kathedralen, die ein ,Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit‘ erzeugen, das nach Friedrich Schleiermacher Religion charakterisiert.
Wie gesagt, das sind nur Auszüge. Der Artikel ist etwas umfangreich, aber das Lesen zahlt sich auf alle Fälle aus. Ich selber würde dort fast alles unterschreiben und habe zusätzlich noch den tollen Begriff – “Tugendbold” – kennengelernt…
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PS: Aufrichtigen Dank möchte ich auch an dieser Stelle an User “Pflanze” aus dem Presse-Forum richten. Ohne ihn wäre mir dieser Kultartikel glatt verborgen geblieben…